Kategorien
Allgemein

Christliche Erziehung und Sex: Scham und Schuld als Lust Overkill

Sind wir mal ehrlich: Was haben Schuldgefühle beim Sex zu suchen?

Sie führen zu Anspannung, zu unnatürlichem Verhalten, zu Tabu-Themen in der Kommunikation zwischen Partnerinnen und Partnern und der Projektion von Scham-Besetztem auf merkwürdige Verhaltensweisen. Als wäre es nicht schon genug, dass wir uns vor unserem Sexualpartner komplett ausziehen – nicht nur körperlich, sondern irgendwie auch seelisch und unser Gesicht sich auf die ulkigsten Arten und Weisen verziehen mag, wenn wir den Höhepunkt unserer Lust erreichen.

Was für ein Brocken, oder?

Sind wir mal ehrlich: Was haben Schuldgefühle beim Sex zu suchen?

Sie führen zu Anspannung, zu unnatürlichem Verhalten, zu Tabu-Themen in der Kommunikation zwischen Partnerinnen und Partnern und der Projektion von Scham-Besetztem auf merkwürdige Verhaltensweisen. Als wäre es nicht schon genug, dass wir uns vor unserem Sexualpartner komplett ausziehen – nicht nur körperlich, sondern irgendwie auch seelisch und unser Gesicht sich auf die ulkigsten Arten und Weisen verziehen mag, wenn wir den Höhepunkt unserer Lust erreichen.

Das eigene Erleben von Sexualität hängt stark davon ab, wie sehr wir Zugang zu uns selbst finden können und uns erlauben, uns wirklich fallen zu lassen. Es steht für mich außer Frage, dass Sexualität nicht losgelöst von Körper, Seele und Verstand entsteht, sondern eine tiefe, ganzheitliche, menschliche Erfahrungen ist, die sich als integrierter Bestandteil weiterentwickeln kann und in Verbundenheit einer Person mit sich selbst als Mensch, entsteht. Das war ein langer Satz.

Ich spreche gern über sexuelle Potentiale: Es ist, wie mit der Selbstliebe, mit Beziehung und mit Vergebung: All das sind Prozesse, die im Normalfall nicht schnell und einfach zu Ergebnissen führen, sondern sich das ganze Leben über entwickeln und verändern können.

Sexuelles Erleben ist davon geprägt, inwieweit Partner/innen sich füreinander öffnen. Da fließen die verschiedensten Kompetenzen zusammen: Die Fähigkeit zum Äußern der eigenen Bedürfnisse, das in-Kontakt-treten mit der eigenen Gefühlswelt, die Verbundenheit mit dem eigenen Körper und das Einordnen der individuellen Bedeutung von Sexualität. Im Austausch mit Frauen habe ich die Erfahrung gemacht, dass für viele von ihnen erfüllter Sex mit authentischem Austausch einhergeht.

Über sexuelles Erleben der Männer tausche ich mich intensiv nur mit einem männlichem Kumpanen aus – mit meinem Partner. Hier erlebe ich, dass Sex eine Art der Kommunikation ist. Die ist zwar nicht verbal und doch so intim, offenbarend und vielfältig.

Diese großartige Entdeckung der Kommunikation zweier Menschen auf körperlicher Ebene ist riesig. Für mich ist Sex Berührung. Hände, Füße, der ganze Körper ist ein mit Nervenzellen besetztes, individuell empfindsames Wesen. Was Entdeckung für mich am meisten behindert sind vor allem eines: Alte Schuldgefühle.

Ich spreche hier nicht davon, die wildesten und obszönsten Fetische zu entdecken und es zu treiben wie in fifty shades of grey und immer stärkere Reize zu suchen. Für mich geht es um die  Entdeckung der Weite des eigenen Körpers und der des Gegenübers. „Achtsamen“ Sex zu haben, bei sich und beim anderen zu sein. Wirklich präsent zu sein. Das erfordert viel mehr Mut, als neue Spielchen auszuprobieren. Da wird es dann auch erst so richtig wild, denn es geht nicht nur um Körper, sondern um viel mehr. Wirklich frei sein kannst du, wenn du dir erlaubst, so sein zu dürfen. Doch hier gilt wie immer: Für jeden mag etwas anderes stimmig sein.

Wie die meisten Kinder, entdeckte auch ich in jungen Jahren meinen Körper und probierte aus, wozu er fähig war. Dass das z.T. natürlich nicht in der Öffentlichkeit erwünscht war, merkte ich recht schnell. Zuhause merkte ich auch, dass Sex irgendetwas Scham-behaftetes an sich haben musste und es entstand ein schlechtes Gewissen in Verbindung mit einem verlockenden Gefühl. Als Teenagerin lernte ich in einem Vortrag in einer Gemeinde, dass Masturbation Sünde sei. Es wurde uns vorgeschlagen, dass wir uns vorstellten, wie jemand kleine Babykatzen ermordete, wenn wir es „trieben“. Das sollte das „nicht Gott-gefällige Verhalten“ verhindern und hat in meinem noch kindlichen Denken Sexualität mit Gewalt verwoben. Großartig!

Inwieweit solche „Erkenntnisse“ sich im Gehirn eines heranwachsenden Menschen einbrennen, hängt stark davon ab, wie wir beschaffen sind und welche Erfahrungen wir mitbringen. In meinem Leben gab es viele kleinere Erlebnisse, die hier zusammenflossen und eine Überzeugung formten:

Sex hatte augenscheinlich etwas mit Angst, Gewalt und Schuldgefühlen zu tun. Begierden führten zur Sünde. Vielleicht hat die Hälfte der Teilnehmerinnen von damals den Tipp mit den Babykatzen schnell vergessen. Ich malte zuhause ein Bild, um mich immer wieder daran zu erinnern. Ich sprach mit Menschen darüber, denen ich mich anvertraute und die bereit waren, für mich da zu sein, wenn ich es wieder einmal nicht „schaffte, stark zu sein“. Es wurde mir versichert, dass alles immerzu in Ordnung käme, wenn ich Jesus um Vergebung bat. Ich weiß noch sehr genau, wie ich mich nach „jedem Mal“ widerwillig schlecht fühlte und weiter betete. Der tiefe Glaube daran, ich sei – wie alle Menschen – von Grund auf schlecht und brauche immer wieder Vergebung säten damals tiefe Selbstzweifel in mir.

Wenn ich über Sex und Schuldgefühle spreche, dann kann ich das natürlich nur aus meiner subjektiv eingefärbten Erfahrung heraus. Es mag Menschen geben, die sich im Erwachsenenalter gekonnt abgrenzen können. Sie besitzen meist auch ein hohes Maß an Resilienz und behalten die Fähigkeit, des gesunden Urteilsvermögens. Mir gelang das durch meine kirchliche Prägung lange Zeit nicht. Wenn von klein auf die Fähigkeit zu hinterfragen, bestimmten Bibelgrundsätzen untergeordnet ist, kann in der Entwicklung etwas Fatales passieren: Der Bezug zur eigenen Person und ihren wahrhaftigen Wünschen kann immens geschwächt werden. Daraus wiederum ergeben sich die unterschiedlichsten Strategien, um diesen Schmerz des Selbst-Verlustes nicht fühlen zu müssen. Ob hinsichtlich der Sexualität eines Menschen, vielleicht sogar auch seiner sexuellen Orientierung oder viele andere Bereiche des Lebens betreffend – Schuld und Scham können üble Wegbegleiter sein.

Paar liegt auf dem Boden
Photo by Joanna Nix on Unsplash

Mein Partner und ich sind jetzt bald seit acht Jahren ein Team und haben auch mit Schwangerschaft und Geburt die unterschiedlichsten Phasen sexuellen Miteinanders erlebt. Zu Beginn unserer Beziehung trotzte ich den erlernten alten Glaubenssätzen und zerbrach den heiligen Gral, eine jungfräuliche Ehefrau zu werden. Das schaffte tatsächlich eine riesige Zerrissenheit und tiefe Schuldgefühle in mir.  Es gab Regeln und die standen zuhause und in der Gemeinde festgeschrieben: Kein Sex vor der Ehe. Christen dürfen nur Christen heiraten. Es war gefühlt die absolute Todsünde, diese Regeln zu brechen. Damals war ich rebellisch geneigt. Ich genoss die neue Freiheit, die ich mir selbst gewährte, doch das verinnerlichte, schlechte Gewissen forderte seinen Preis. Vielleicht führte es sogar bedingt dazu, dass wir schon nach zwei Jahren entschieden, zu heiraten. Kein Mensch auf dieser Welt wird je wissen, ob wir es auch sonst getan hätten. Ich glaube, das hier können nur Betroffene verstehen. Mit der Entscheidung, zu heiraten, stieß ich in der Gemeinde erneut auf Widerstand, denn mein Partner war kein Christ.

Gott sei Dank lieben wir uns und tun es sogar immer mehr. Auch wenn es, wie in jeder Beziehung nicht immer einfach ist.

Zeitweise fraß mein Gewissen uns beide auf. Ich erhielt damals ein Sex-Verbot in unserer Verlobung aufrecht, um wenigstens noch ein bisschen Ehre zu bewahren. Das hatte sich wirklich nicht gelohnt, das kann ich heute sagen.

Menschen mit christlichem Hintergrund und ähnlichen Erfahrungen, die Sex in der Vergangenheit in Verbindung mit Schuldgefühlen gebracht haben, rate ich vor allem eines: Du musst gar nichts und erst recht musst du nichts allein schaffen. Der Weg nach Innen ist nicht immer der Schönste, doch aus meiner Sicht lohnt er sich ein Leben lang. Es gibt so viele Möglichkeiten: Selbsttherapie mit guter Literatur, Paartherapie, Psychotherapie, Sexualtherapie – hol dir Hilfe. Du hast nur dieses eine Leben – warum solltest du länger als unbedingt notwendig brauchen, um endlich frei von fesselnden Glaubenssätzen zu werden?

Der ehrliche Austausch mit Freunden und der/dem Partner/in kann auch heilsam wirken. Jedoch ist es manchmal nicht angemessen, dass Menschen einander in sehr verzwickten Lebenslagen helfen. Dafür gibt es ausgebildete Fachkräfte, die noch dazu einen wohltuenden Abstand zum Erlebten mitbringen. Scheue dich also nicht, Hilfe anzunehmen! Letzten Endes ist es doch so wie es tatsächlich auch in der Bibel steht: „Verschließt eure Herzen nicht…“ Ps.95,8

Sexualität entsteht nicht losgelöst von deinem Denken. Sie entsteht in deinem Körper und wird durch dein Denken geformt. Gib ihr die Richtung, die ihr gerecht wird: Ein Gefühl von Verbundenheit.

Fandest Du den Artikel interessant?

Hi, ich bin Nelly und in erster Instanz Mama von einem kleinen Wirbelwind.
Seit kurzem bin ich nun Yoga Lehrerin für Mamas zur Rückbildung und plane mein Studium der Bewegungspsychologie.

Für den Inhalt der einzelnen Artikel sind die jeweils benannten Autoren verantwortlich. Die Inhalte der Artikel spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung von schönerlieben wieder. Alle hier bereitgestellten Informationen dienen lediglich Informationszwecken sowie Zwecken der Meinungsbildung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.