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Liebe in Zeiten der Quarantäne

Kein anderes Thema beherrscht unsere Gedanken und Gespräche derzeit so sehr wie globale Corona-Pandemie. Für Unzählige von uns werden die kommenden Wochen oder gar Monate zu einer Herausforderung oder gar Zerreißprobe werden. Die Angst vor wirtschaftlichem oder sogar menschlichem Verlust ist vielen von uns aktuell in’s Gesicht geschrieben.

Ein kurzer Ausflug in die Vogelperspektive

„Dass man Liebe mit Geld nicht kaufen kann,
glaubt man erst dann, wenn man genug Geld hat.“

Jack Nicholson

Wir alle, wer auch immer wir sind, wurden geprägt durch die Weltsicht, das Wertesystem und nicht zuletzt das Vokabular des Kapitalismus. Dies bedeutet, wir ordnen unsere Welt in „Nehmen“ und „Geben“, in „Gewinnen“ oder „Verlieren“, wir glauben an „Konkurrenz“, an „Deals“ und die stetige Möglichkeit zur „Manipulation“ der „Umstände“.

Wem der vorgenannte Blick auf die Welt alternativlos erscheint, der stelle sich kurz eine Kultur vor, die stattdessen „Schenken“ und „Empfangen“ ehrt, „Synergieeffekte“ und „Solidarität“, die an „Kooperation“ glaubt, an „Integrität“ und an Gelegenheiten zu „aufrichtiger Begegnung“…

Du findest, das klingt wie Gänseblümchen-Hippie-Scheiß?! Bitte verzeih…! Das ist mir an dieser Stelle gerade mal ein bisschen egal. Denn dieser Gänseblümchen-Hippie-Scheiß ist genau die Art von Denken, die uns meines Erachtens in dieser Zeit ziemlich dringend fehlt.

Darüber hinaus setzt unser (kapitalistisches) Verständnis der Welt, damit die Welt nach seinen Gesetzen „funktionieren“ (sic!) kann, zwingend voraus, dass Menschen Dinge konsumieren, die bei zweifelhaftem Nutzen Schäden für Gesundheit, Umwelt oder Psyche nach sich ziehen. Unser bisher vorherrschendes Wirtschaftssystem braucht, damit es sich am Leben erhält, zwingend Menschen in materiellem wie emotionalem Mangel. Erstere ergeben billige Arbeitskräfte, zweitere konsumieren Güter, deren Bereitstellung billige Arbeitskräfte benötigt. Ein fein abgestimmtes Räderwerk, solange nichts dazwischen kommt. Selbstverständlich ist dieses Wirtschaftssystem darauf ausgelegt, den Geldfluss nicht gleichmäßig auszuschütten, sondern an verschiedenen Stellen zu akkumulieren. Dadurch fehlt dieses Geld an anderen Stellen, was über Bande immer neue Notlagen und dadurch billige Arbeitskräfte produziert.

Die vielfältig gravierenden Auswirkungen dieser Lebensweise auf unsere körperliche wie psychische Gesundheit, auf die Umwelt und das Weltklima, auf Armut und bewaffnete Konflikte in der Welt, sollen hier nicht Thema sein. Wohl jedoch Folgendes:

Wir schicken gerade Milliarden von Menschen in Isolation mit sich selbst, ihren Liebespartnern oder Familien, umgeben von einer Medienlandschaft, die gar nicht anders kann, als Ängste zu schüren. Die weit überwiegende Mehrheit dieser Menschen hat bislang niemals gelernt, mit Gefühlen, ihren eigenen oder denen anderer Menschen, auf eine annehmende, empathische Art und Weise umzugehen. Diese Fertigkeiten und Fähigkeiten spielten in der Welt, in der wir vor Corona lebten, schlicht keine besonders große Rolle. Stattdessen wurde uns beigebracht, Gefühle, unsere eigenen wie die unserer Mitmenschen, so lange zu ignorieren, zu unterdrücken oder zu kaschieren, bis diese uns schließlich unkontrolliert um die Ohren fliegen.

Genau dies wird, das ist sehr absehbar, in den kommenden Tagen, Wochen oder Monaten in immer mehr Haushalten passieren.

Einen Teil dieser Menschen werfen wir nun ohne jede Ablenkung und auf sich allein gestellt auf sich selbst zurück. Den anderen Teil bringen wir derart nah in Kontakt mit seinen Nächsten, dass die Nerven von Tag zu Tag blanker liegen und über kurz oder lang alles auf den Tisch kommen wird, was bislang unterdrückt, verdrängt oder kaschiert worden war.

Psychologisch betrachtet ist das, was sich hier anbahnt, hochspannend. Persönlich gesehen werden die kommenden Wochen potenziell für viele Menschen zu einigen sehr schmerzhaften Erfahrungen führen.

Anmerkung: Es wird oft und gerne behauptet, die Welt, in der wir bis hierhin lebten, wäre eine männerdominierte Welt gewesen. Von vielen Seiten her hörte ich Menschen zornig über das „Patriarchat“ sprechen. So mancher Mann in so manchem Land hat noch so manche bittere Kröte zu schlucken. Dennoch ist die Geschlechterpräferenz vieler Kulturen nicht mehr als der schartige Rost auf der Oberfläche unseres Systems. Dahinter steht ein Denken, das einseitig und verbissen auf eine Kraft setzt, die in den asiatischen Philosophien „Yang“ genannt wird.

Yang setzt sich Ziele und verfolgt sie. Yang kontrolliert die Welt. Yang überwindet Hindernisse, besiegt Gegner (m / w / d) und erreicht, was es sich vorgenommen hat. Millionen auf Yang gepolte Menschen erleben nun eine Situation, in der über Tage, Wochen, vielleicht Monate von ihnen genau das Gegenteil von dem gefordert ist, was sie bislang als alternativlosen Umgang mit der Welt und sich selbst gelernt hatten.

Die Gegenkraft zu „Yang“ wird „Yin“ genannt. Yin ist einfühlsam und impulsiv. Yin ist mit allen Menschen und der Natur verbunden. So wie Yang es uns ermöglicht, die Dinge anzupacken und zu ändern, die uns nicht gefallen oder gut tun, so bringt uns Yin in Kontakt mit der Fähigkeit, diejenigen Dinge oder Umstände anzunehmen, die wir nicht ändern können. Diese Kraft des Annehmens und des Mitgefühl miteinander und uns selbst hatte in unserer Kultur bislang keinen besonders guten Ruf oder Stand. Nicht zuletzt deshalb sieht die Welt so aus, wie sie ist.

Annehmen, was wir nicht ändern können, jedoch ist etwas, was viele von uns in der kommenden Zeit voraussichtlich oft werden üben dürfen oder müssen. Die Einsamkeit, Konflikte, leere Regale, Überforderung, Sehnsucht, Angst, Frustration, Ärger und andere Gefühle – und manche von uns sogar den Tod…

Ich erhöhe bitteren Herzens…

„Wagen wir, die Dinge
zu sehen, wie sie sind.“

Albert Schweitzer

Es heißt, eine Liebesbeziehung sei die kleinste und intensivste Therapiegruppe der Welt. Nun setzen wir also auf Schlag ganz viele von diesen Inkubatoren auf Isolation nach außen und auf Dauerkontakt nach innen. Was glauben wir wohl, wird als nächstes passieren?

Bislang steht die Wette, dass die Zahl der Schwangerschaften ebenso wie die der Scheidungen ansteigen wird. Weil die Liebes- und/oder Beziehungspartner wieder Zeit haben für guten Sex und liebevolle Gespräche. Aber leider halt allzu oft keine Ahnung davon haben, wie das eine oder das andere geht. Das wird Frust erzeugen, der nach einem Kanal suchen wird, sich zu entladen.

Ein bedeutender Anteil der Ehen und Liebesbeziehungen in unserem Lande fußt nicht auf Wohlwollen und Lust an der gegenseitigen Unterstützung, sondern auf gewohnheitsmäßiger gegenseitiger Täuschung und Manipulation. Im Grunde wissen wir das alle. Viele von uns können sich bislang überhaupt nicht vorstellen, dass eine Liebesbeziehung überhaupt auf Aufrichtigkeit, gegenseitigem Wohlwollen und Augenhöhe aufgebaut sein könnte. Für diese Art des Miteinanders gibt es bislang schlicht viel zu wenige glaubhafte Vorbilder in unserer Kultur.

Diese Art von Beziehungsverständnis, so verbreitet sie bei uns auch sein mag, ist für die meisten nur in wohldosierten Dosen ertäglich. Diese Art von Ehen oder Lebensabschnittsbeziehungen ist geradezu darauf angewiesen, dass die „Liebenden“ einander die meiste Zeit des Tages aus dem Weg gehen. Die Quarantäne allerdings, deren Anfang wir gerade erst erleben, wird viele Liebespartner unausweichlich sehr intensiv miteinander in Kontakt bringen.

Manche Paare werden die Zeit der gemeinsamen Isolation als eine wundervolle Chance begreifen, ihre Liebe und Partnerschaft zu vertiefen und sich gemeinsam neue Spielarten des liebevollen Miteinanders zu erschließen. An anderen Orten werden seit Jahren zitternde Kartenhäuser schließlich in sich zusammenbrechen, mal mit, mal ohne dramatisches Getöse.

Streamingdienstleister aus der Entertainment- sowie der Porno-Branche feiern Zugriffszahlen, die ihnen Freudentränen in die Augen treiben. Auch Versanddienste für Lustspielzeuge haben in den kommenden Wochen sehr gut zu tun.

Die Quarantäne, die wir gerade durchlaufen, nimmt uns trotzdem, schleichend, nach und nach alle Möglichkeiten, uns von uns selbst abzulenken. Irgendwann ist auch die letzte Serie gebinged, die letzte Fuge verputzt, die letzte Schublade und das letzte Regal sortiert. Plötzlich, und ohne dass uns dies jemand beigebracht hätte, sind wir konfrontiert mit uns selbst und unserem wahren, wirklichen Leben.

Wer Freunde hat, telefoniert mit ihnen. Das ist zwar körperlich nicht so nah wie gewohnt, aber da in dieser Zeit viele von uns unübersehbar konfrontiert sind mit unbequemen Gefühlen, haben diese Gespräche oft eine größere Tiefe als jemals zuvor. Unser Bedürfnis nach Verbundenheit macht die höhere räumliche Distanz durch eine erhöhte Bereitschaft zu emotionaler Intimität wett. Woanders stellen Menschen fest, dass sie außer mit ihren Arbeitskolleginnen und Kollegen so gut wie mit keinem Menschen sprechen. Und die und deren Leben interessieren einen halt genausowenig wie jene sich für das eigene.

Das Schmerzhafte an der Strategie der sozialen Distanzierung ist nicht, dass dadurch die Einsamkeit zunehmen würde. Sie wird lediglich nicht mehr so leicht zu übersehen sein, zu verdrängen oder zu kaschieren.

Wir werden es daher auch mit einem sprunghaften Anstieg im Konsum von Alkohol und anderen psychoaktiven Substanzen zu tun bekommen. Neben Scheidungen werden auch die Zahlen für Suizide und Fälle partnerschaftlicher oder familiärer Gewalt sichtbar zunehmen. Allzumeist wird diese von Männern ausgehen. Allzumeist werden Frauen und Kinder ihre Opfer sein. Nein, das ist nicht schön. Aber es wird passieren.

Wagen wir, die Dinge so zu sehen, wie sie sind: Wenn der Zustand der Quarantäne erst über mehrere Wochen andauert, dann werden viele von uns an einander und/oder sich selbst Seiten entdecken, mit denen sie niemals gerechnet hätten.

Das vor uns liegende Stück Weg wird also voraussichtlich für viele ein kleines bisschen rumpelig. Das bedeutet allerdings nicht, dass es uns nicht möglich wäre, diese Situation als Chance zu nutzen.

Wir könnten es so sehen, dass die Quarantäne uns allein, als Paare oder Familien in lauter kleine Kokons einspinnt. Ob wir diesen dafür nutzen, um darin uns selbst oder einander aufzufressen, oder dafür, uns selbst oder miteinander weiterzuentwickeln, liegt nun ganz in unserer Hand.

Wenn die Dinge ohnehin in Bewegung sind, lassen sich diese auch lenken. Zumindest ist das viel leichter, als Zustände, die seit Jahren oder Jahrzehnten erstarrt sind, aus dieser Stasis heraus in Bewegung und Veränderung zu bringen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf liebe-auf-augenhoehe.de

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Volker Schmidt, Jahrgang 1976 ist Diplom-Umweltwissenschaftler, Heilpraktiker für Psychotherapie und NLP-Master (DVNLP). Seit 2008 arbeitet er als Systemischer Coach, Trainer und Mentor im Bereich Führung, Verhandlung und Unternehmenskultur. Seit 2010 berät er darüber hinaus Paare und Einzelpersonen aus ganz Deutschland in Fragen der Liebe, Partnerschaft und Sexualität.

Für den Inhalt der einzelnen Artikel sind die jeweils benannten Autoren verantwortlich. Die Inhalte der Artikel spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung von schönerlieben wieder. Alle hier bereitgestellten Informationen dienen lediglich Informationszwecken sowie Zwecken der Meinungsbildung.

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