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Liebe in Zeiten der Quarantäne

Kein anderes Thema beherrscht unsere Gedanken und Gespräche derzeit so sehr wie globale Corona-Pandemie. Für Unzählige von uns werden die kommenden Wochen oder gar Monate zu einer Herausforderung oder gar Zerreißprobe werden. Die Angst vor wirtschaftlichem oder sogar menschlichem Verlust ist vielen von uns aktuell in’s Gesicht geschrieben.

Lektionen in Demut…
Quarantäne als Wachstumschance für Singles

Coronamaske
Photo by Erik Mclean on Unsplash

„Jedwede Kreatur hat einen Urtrieb
nach liebender Umarmung.“

Hildegard von Bingen

Wer heute, zu Beginn der Quarantänezeit, Single ist, der wird es mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit bis zu ihrem Ende bleiben. In einer Zeit, in der auf substanzieller Ebene so viel Unklarheit herrscht, so viel Orientierungslosigkeit, Sorge und Angst, sind wenige Menschen geneigt, langfristig bindende Entscheidungen zu treffen. Wie auch? Keine/r von uns weiß, wie die Welt und unser Leben aussehen wird, wenn diese Pandemie überstanden ist.

Solltest du selbst Single sein und über diesen Umstand wenig glücklich, dann rate ich dir: Lass alle Hoffnung fahren, und das lieber heute als morgen. Dieser Zustand (das Singledasein) wird sich definitiv noch über Wochen oder gar Monate halten. Selbst wenn da draußen noch so viele Menschen ebenso einsam sind wie du, wie solltest du davon erfahren, und wo solltest du ihnen begegnen? Natürlich kannst du weiterhin mit Tinder spielen. Aber wie verlockend ist das, wenn es keine Chance gibt, die Person(en) deines Interesses oder Geschmacks auch live zu treffen?

Wer derzeit nicht damit beschäftigt ist, dieses Land am Laufen zu halten, ist jetzt sehr mit sich selbst konfrontiert. Wer immer mal die Gelegenheit haben wollte, Netflix und Co ganz ungehemmt von oben nach unten durchzubingen, wird bald feststellen, dass da gar nicht so vieles ist, was zu Bingen sich überhaupt lohnen würde.

Suche dir eine Beschäftigung, die dir wirklich Freude bereitet und dich mit Energie und guter Laune auflädt! Renoviere deine Wohnung, lerne eine Sprache oder ein Instrument, schreibe Gedichte, male oder meditiere. Nutze diese Zeit, um herauszufinden, welche Tätigkeiten dir gut tun und Freude bereiten. Es ist gut möglich, dass diese Tätigkeiten, welche auch immer dies sein mögen, nicht nur dir gut tun, sondern Talente zum Ausdruck bringen, die auch anderen Menschen gut gefallen oder gar nützen.

Wenn du schon nicht verhindern kannst, dass du ständig mit dir selbst konfrontiert bist, dann nutze dies als eine Chance, dich selbst wirklich kennenzulernen – bestenfalls sogar dafür, mit dir selbst Freundschaft zu schließen.

An dieser Stelle lege ich dir warm mein Verständnis von der Psyche als Plural ans Herz. Wer lernt, sich selbst differenzierter wahrzunehmen, hat die Gelegenheit, sich selbst differenzierter kennen zu lernen. Und festzustellen, was ich auch meinen Klienten beibringe: Dass es in unserer Psyche nichts gibt, dass nicht zutiefst wertvoll und liebenswert wäre, wenn wir nur erst gelernt haben, uns selbst mit Liebe und Neugier zu begegnen. [Ihr findet diese Perspektive auf meiner Seite unter der Überschrift: „Wer ist ‚ich‘?! (‚Der fliegende Holländer‘)“]

Setze dich aktiv und bewusst mit deinem Leben auseinander! Erkenne, dass alles, was du besitzt oder tust, nicht um seiner selbst wertvoll wäre, sondern immer dazu dient, über Bande deine existenziellen Bedürfnisse zu erfüllen. Je besser du deine Bedürfnisse kennst und die Strategien, die du bislang gewohnheitsmäßig nutzt, um diese zu nähren, desto leichter wird es dir fallen, zu erkennen, dass es hierfür immer auch andere Wege gibt als die, die du bislang nutzt. Wenn du bislang noch keine Idee davon hast, welche Bedürfnisse überhaupt in deinem Leben und Streben eine besondere Bedeutung spielen, dann wirf gerne einen Blick in meinen Grundsatzartikel über „Die psychischen Grundbedürfnisse des Menschen“.

Lerne deine Gefühle und Emotionen kennen! Mit diesen wirst du höchstwahrscheinlich in den kommenden Wochen oder Monaten unausweichlich immer wieder konfrontiert sein. Je besser du verstehst, welcher evolutionäre Zweck hinter unseren Gefühlen steckt, desto leichter wird es dir gelingen, sie anzunehmen und, mit ein wenig Übung, sogar darauf Einfluss zu nehmen, mit welchem Gefühl du auf eine aktuelle Erfahrung reagierst, und wie stark. Auch hierfür biete ich dir eine Handreichung an. Sie lautet: „Klüger fühlen“.

Gerade wenn du deine Freunde und Vertrauten derzeit nur noch selten oder gar nicht treffen kannst, suche aktiv jenen Kontakt zu ihnen, der derzeit unbedenklich möglich ist. Rufe sie an. Schreibe ihnen eine Nachricht. Zeige ihnen, dass du dich für sie interessierst und sie dir wichtig sind. Viele Menschen in meinem Umfeld berichten darüber, dass ihre Gespräche am Telefon oder über Videochat mit zunehmender sozialer Isolierung eine ungeahnte Tiefe bekommen. Da wir uns körperlich fern sein müssen, scheint es, sind viele von uns bereiter denn je für emotionale Ehrlichkeit und Intimität. Vielleicht birgt auch für dich diese Zeit eine Chance in sich, Freundschaften und andere Beziehungen in deinem Leben auf ein ganz neues Fundament der Integrität und Echtheit zu stellen.

Vielleicht nutzt du die Zeit in deinem kleinen Kokon auch dafür, dich liebevoll mit deiner Sexualität auseinanderzusetzen. Der Mangel, den du auf dieser Ebene möglicherweise spüren wirst, ist, auch wenn es sich nicht so anfühlen mag, ein verdammt gutes Zeichen. Dieser Mangel nämlich, ebenso wie die Grimmigkeit oder Traurigkeit, die du darüber empfindest, weisen dich darauf hin, dass dein Verlangen nach Sinnlichkeit und Sexualität tief in dir drin niemals ganz gestorben war. Unterdrücke deine Sehnsüchte nicht, sondern heiße sie willkommen. Finde Wege und Gelegenheiten, sie zu ehren und von ganzem Herzen zu genießen. Lerne, zu masturbieren, wie es dir wirklich gut gefällt. Sollten bei diesem Thema Hemmungen aufkommen bei dir, dann enthält vielleicht dieser Text Inspirationen oder Ideen für dich. Er heißt: „Go fuck yourself! Wir brauchen eine neue Masturbationskultur!“.

Stelle dir vor, du wärest mit dir selbst auf einer einsamen Insel gestrandet, und dies ohne Aussicht auf Rettung bis zum Ende aller Tage. Wäre es da nicht besser, möglichst frühzeitig Freundschaft zu schließen und die verbleibende Zeit danach dafür zu nutzen, einander zu helfen und gut zu tun?

Die Wahrheit ist: Wir alle sind mit uns selbst auf dieser Insel. Nur dass wir es durch all die Ablenkungen, die wir in unserem Alltag eingerichtet hatten, bislang vielleicht nie gemerkt haben.

Auf Gedeih und Verderb…
Quarantäne als Wachstumschance für Paare
(in gemeinsamem Kokon)

Gemeinsam Kaffee trinken
Photo by Rachael Gorjestani on Unsplash

„Wenn du damit beginnst, dich denen aufzuopfern,
die du liebst, wirst du damit enden, die zu hassen,
denen du dich aufgeopfert hast.“

George Bernard Shaw

So…! Ihr zwei behauptet also, ihr seid ein Paar? Dann schließen wir euch jetzt mal für ein paar Wochen miteinander ein und schauen, was passiert, wenn ihr einander und euch selbst für eine Weile nicht aus dem Wege gehen könnt.

Ob ihr ein Haus mit Garten habt oder eine Zweizimmerwohnung ohne Balkon, ob ihr Kinder habt oder nicht, ob monogam oder polyamor, die Zeit, die vor uns liegt, wird euch sehr wahrscheinlich ganz gehörig miteinander konfrontieren.

Manche Paare werden die Quarantäne als eine Zeit der Fülle und Freude wahrnehmen, werden die Tiefe, die sie jetzt bereits miteinander haben, weiter ausbauen, sich gegenseitig stützen und gut tun. Wer schon vor der Krise ein erfülltes Liebes- und Sexualleben hatte, der wird auf die weltweite Corona-Krise zurückblicken als eine Zeit, in der die gemeinsame Lust und Sinnlichkeit immer neue Spielarten und Facetten gewann. In vielen deutschen Ehen und Liebesbeziehungen sind die Voraussetzungen leider weniger glücklich.

Alle Hinweise, die ich den Singles gab, sich ernsthaft auseinanderzusetzen mit ihren Gefühlenihren Bedürfnissen und ihrer Psyche, gelten für diejenigen, die diese Quarantäne gemeinsam als Paar oder Familie verbringen, unterstrichen mit drei Ausrufungszeichen!!!

Macht euch keine Illusionen! Draußen vor den Fenstern und draußen in den Medien liegen vielerorts die Nerven blank. Wir alle sind angespannt, und diese Anspannung ist sozial ebenso ansteckend wie Lächeln oder Gähnen. Das bedeutet, dass wir alle in den kommenden Wochen permanent mit einer gewissen Dosis an Adrenalin im Blut unterwegs sein werden. Wir alle sind emotionaler Zunder. Oft reicht ein winziger Funke, und wir erhalten ein Feuer oder eine Explosion. Je besser ihr versteht, was es mit euren Gefühlen auf sich hat, und welche Bedürfnisse dahinter stecken, desto leichter seid ihr in der Lage, auf die Gefühle, mit denen ihr es zu tun bekommen werdet, auf eine wohlwollende und bestenfalls sogar nützliche Weise zu reagieren.

Richtet euch darauf ein: Die Nähe, die ihr in den kommenden Wochen unausweichlich miteinander verbringen werdet, wird, verbunden mit dem permanenten Summen des Adrenalins in eurem Blutkreislauf, über kurz oder lang dazu führen, dass all eure Geheimnisse, Täuschungs- und Manipulationsmanöver auffliegen werden. Wir alle werden so roh, so pur miteinander und mit uns selbst und einander konfrontiert sein, dass alles, was wir vorher sorgsam vor dem anderen (oder vor uns selbst) versteckt haben, schließlich unübersehbar auf dem Tisch landen wird.

In Anbetracht dieser Vorausschau rate ich euch dringend: Nutzt die anstehende Unausweichlichkeit der Wahrheit dazu, euch selbst und einander ganz bewusst ein neues Commitment der Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit zu geben. Wenn ohnehin alles auffliegen wird, dann ist das, was noch einen Unterschied macht, die Frage, wie und durch wen das, was offenbart wird, zur Sprache kommt. Nutzt diese Zeit dazu, euch einander (vielleicht zum ersten Mal) ohne alle Masken oder Schminke zu zeigen. Seid wirklich aufrichtig mit euch selbst und miteinander.

Sollte die Beziehung, die ihr miteinander führt, dies nicht aushalten, dann reiht euch vorfreudig ein in das Heer der neuen Singles, das in den kommenden Wochen ebenfalls entstehen wird. Die Chancen sind gut, dass es im Herbst eine Menge Auswahl geben wird an Menschen, die über Jahre oder gar Jahrzehnte Dinge und Zustände ausgehalten haben, die ihnen ihre Kraft und Lebendigkeit entzogen haben. Diese Menschen werden hungrig danach sein, liebevoll gesehen und berührt zu werden. Hier warten unter Umständen Erfahrungen auf euch, die den Schmerz der anstehenden Veränderung möglicherweise mehr als wert gewesen sein werden.

Umso mehr gilt dies für jene Paare, die sich wirklich ein Herz nehmen und damit beginnen, sich einander voll und ganz zu zeigen. Diese Paare werden miteinander neue Tiefen und Horizonte entdecken, die ihrer Beziehung zueinander einen völlig neuen Glanz verleiht. Sehr wahrscheinlich werden auch diese Paare zunächst ein paar scharfe emotionale Klippen zu umschiffen haben. Schließlich haben die wenigsten von uns je gelernt, einander mit echter Aufrichtigkeit und Augenhöhe zu begegnen. Allerdings ist auch dies, wie so vieles, nicht zuletzt eine Sache von Übung und Erfahrung. Wer in seinem oder ihrem Leben bereits die Herausforderung gemeistert hat, unfallfrei Fahrrad zu fahren, der kann auch die Lektionen der Liebe auf Augenhöhe mit ein wenig Beharrlichkeit und Übung lernen.

Da ihr es ohnehin mit den Grundfesten eurer Beziehung zueinander zu tun bekommen werdet, nutzt dies als Chance, diese Grundfesten einer wirklich substanziellen Betrachtung zu unterziehen.

Fragt euch: Was genau ist das Fundament unserer Partnerschaft? Was sind unsere gemeinsamen Werte? Was steht ganz oben auf unserer gemeinsamen Prioritätenliste? Wie stehen wir zueinander und zu dem, was zwischen uns ist?

Diese Fragen spielen in meiner Arbeit immer wieder eine große Rolle. Daher gebe ich meinen Klienten hierzu Texte an die Hand, die ihnen dabei helfen, sich auszurichten und eine klare Position einzunehmen.

Folgende Perspektiven lege ich dir oder euch für euren gemeinsamen Weg in die Tiefe an’s Herz:

Das Kabinett der Grausamkeiten – Wenn Liebe zum Machtkampf wird

Liebe auf Augenhöhe: 7 Entscheidungen für eine neue Dimension von Partnerschaft

Beziehung oder Partnerschaft?

Ebenso wie den Singles gebe ich euch den Tipp, euch in dieser Zeit ganz bewusst mit eurer jeweiligen und gemeinsamen Sexualität auseinanderzusetzen. Nutzt die Quarantäne als Chance, zu erkennen, wie wenig ihr auf dieser Ebene möglicherweise bislang für das eingetreten seid, was euch wirklich gut tut und gefällt. Sprecht offen und aufrecht über das, was ihr euch wünscht, wonach ihr euch sehnt oder was euch sonstwie irgendwie reizt. Ladet einander dazu ein, euch alles zu zeigen, was euch dabei helfen kann, die Zeit, die ihr ohnehin miteinander auf engstem Raum verbringen werdet, zu einer möglichst lustvollen oder vergnüglichen Zeit zu machen.

Falls ihr noch keine Vorstellung davon habt, was euch selbst und miteinander auf sexueller Ebene noch an Luft nach oben offen sein könnte, dann werft gerne einen Blick auf das, was ich über „Die 5 Stufen unserer sexuellen Entwicklung“ schreibe. Auch „Marias Geschichte“ könnte an dieser Stelle äußerst spannende Impulse enthalten.

Vielleicht ist die Zeit, die vor uns und euch liegt, auch eine gute, um sich der Frage zu stellen: „Bin ich eigentlich ’sexpositiv‘?“.

Für eine noch umfassendere (und offenbar an manchen Stellen recht amüsante) Perspektive auf „die Sache mit dem Sex“ empfehle ich euch natürlich auch hier noch einmal meine kleine Streitschrift, die im vergangenen Frühling in die Buchhandlungen kam und seither offenbar vielen Menschen große Freude bereitet. Es trägt den Titel: „Untervögelt – Macht zu wenig (guter!) Sex uns hässlich, krank und dumm?“.

Geht besser davon aus, dass der Zustand der Isolation noch eine ganze Weile anhalten wird. Vieles von dem, was ihr schon jetzt an sonderbaren Verhaltensweisen an euch selbst oder aneinander beobachtet, wird in den kommenden Tagen, Wochen oder gar Monaten höchstwahrscheinlich noch erheblich drastischer sichtbar werden.

Nehmt dies als Warnung oder Tipp: In euren Kokons wird es in der Zeit, die kommt, entweder nur Gewinner geben oder nur Verlierer. Dieses „Beziehungs-Gesetz“ gilt zwar auch sonst, bislang aber ließ sich dieser Umstand für viele nur allzuleicht übersehen. Das wird sich in den kommenden Wochen ändern. Nutzt die Kenntnis der Nur-Gewinner-oder-nur-Verlierer-Regel für euch und eure Liebe und macht euch miteinander eine richtig schöne Zeit!

Dieser Beitrag erschien zuerst auf liebe-auf-augenhoehe.de

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Volker Schmidt, Jahrgang 1976 ist Diplom-Umweltwissenschaftler, Heilpraktiker für Psychotherapie und NLP-Master (DVNLP). Seit 2008 arbeitet er als Systemischer Coach, Trainer und Mentor im Bereich Führung, Verhandlung und Unternehmenskultur. Seit 2010 berät er darüber hinaus Paare und Einzelpersonen aus ganz Deutschland in Fragen der Liebe, Partnerschaft und Sexualität.

Für den Inhalt der einzelnen Artikel sind die jeweils benannten Autoren verantwortlich. Die Inhalte der Artikel spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung von schönerlieben wieder. Alle hier bereitgestellten Informationen dienen lediglich Informationszwecken sowie Zwecken der Meinungsbildung.

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